Vorschau auf die Saison von Borussia Mönchengladbach im FohlenEcho.

Gastbeitrag im FohlenEcho: Der Gladbacher Weg – so vielversprechend wie nachhaltig

Wie wird wohl die neue Saison werden? Das fragen sich nicht nur die Fans von Borussia Mönchengladbach, sondern auch der Verein selbst. Genauer gesagt fragte die Borussia mich, ob ich das für sie einschätzen könnte. Die Aufgabe war klar: Neue Saison, neues Personal. Nach den Abgängen wichtiger Leistungsträger und Identifikationsfiguren muss sich der Bundesligavierte neu aufstellen, die Herausforderungen vor dem Tanz auf drei Hochzeiten sind groß. Wer ist neu bei Borussia? Wer hat das Zeug zum Stammspieler? Wer spielt? Wer ersetzt wen? Und wer macht wem Dampf oder sorgt für mehr Möglichkeiten? Was sind das für Typen, wie finden die sich neu in der Gruppe ein? Meine Analyse ist in Ausgabe 33, August 2016 des „FohlenEcho – das Magazin für Mitglieder von Borussia Mönchengladbach“ erschienen.

Neue Möglichkeiten auf dem Gladbacher Weg

FohlenEcho – das Magazin für Mitglieder von Borussia Mönchengladbach
FohlenEcho – das Magazin für Mitglieder von Borussia Mönchengladbach

Malerisch liegt der Fußballplatz zwischen den satt grünen Bergen. Dort, wo Gleitschirmflieger den Himmel erobern, dort wo Drachenflieger leise kreisen, hat man einen ganz besonderen Blick auf die Szenerie. Ja, natürlich auch auf den Tegernsee. Aber auch auf das Training von Borussia Mönchengladbach. Auf dem Rasen des FC Rottach-Egern bereitet sich die Fohlenelf auf die anstehende Saison in der Fußball-Bundesliga vor. Aus der Vogelperspektive vom nahgelegenen Wallberg hätten Wanderer Cheftrainer André Schubert über die Schulter blicken können. Sie hätten neue taktische Formationen erkennen können, die der Coach mit seinen Mannen einstudierte. Den 600 nach Süddeutschland mitgereisten Anhängern der Borussia war es letztlich vorbehalten, die neuen Ideen Schuberts aus der ersten Reihe am Spielfeldrand mitzuverfolgen.

Den meisten der treuen Borussen waren allerdings die Autogramme der neuen Gladbach-Profis wichtiger, als das taktische Verschieben auf dem Feld. Denn das Gesicht der Borussia – es hat sich auch vor dieser neuen Spielzeit gewandelt. Die Freude auf die neue Saison ist trotzdem, oder gerade deswegen spürbar. Die Fluktuation im Sommer blieb überschaubar, allerdings haben wichtige Leistungsträger, Führungsspieler und vor allem Identifikationsfiguren den Traditionsverein verlassen. Martin Stranzl (Karriereende), Roel „Roooooeeel“ Brouwers (Roda Kerkrade), Havard Nordtveit (West Ham United) und Granit Xhaka (FC Arsenal) waren nicht nur Rädelsführer in der Gladbacher Kabine, sie sind oder viel mehr waren das Gesicht der Borussia in den vergangenen Jahren. Stets loyal, immer bereit, alles für den Klub zu geben. Nicht umsonst trugen allesamt schon die Kapitänsbinde mit der Raute. Die Hierarchie im Team muss sich deshalb nun neu finden – etwas, was Trainer und Manager Max Eberl nur bedingt steuern können.

Hierarchie bei Borussia Mönchengladbach muss sich neu finden

Angst und Bange wird den Verantwortlichen bei der Borussia vor der anstehenden Saison dennoch nicht, haben sie den neuen Kader auch mit Blick auf die Struktur zusammengestellt. „Wir haben eine Reihe sehr guter Persönlichkeiten im Team, die schon einiges erlebt haben“, weiß Schubert und wie sich die Verantwortlichkeit im Kader verteilt „wächst letztlich aus der Mannschaft heraus“, erklärt Sportdirektor Max Eberl. Neben Torwart Yann Sommer, Fabian Johnson, Oscar Wendt, Tony Jantschke und Kapitän Lars Stindl sollen auch mindestens drei der fünf externen Neuzugänge Verantwortung übernehmen. Doch wer sind eigentlich die neuen Gesichter bei Borussia Mönchengladbach?

Vorschau auf die Saison von Borussia Mönchengladbach im FohlenEcho.
Vorschau auf die Saison von Borussia Mönchengladbach im FohlenEcho.

Ein alter Bekannter kehrt an den Niederrhein zurück. Seine Tränen, als er sich vor einem Jahr emotional mit „Die Seele brennt“ vor der Nordkurve verabschiedete, schienen noch nicht ganz getrocknet, jetzt trägt Christoph Kramer wieder das Gladbacher Trikot und sagt: „Man unterschätzt immer das, was man hat und überschätzt das, was man nicht hat.“ Er habe vielleicht unterschätzt, was er an der Borussia hat. „Ich habe das erst richtig bemerkt, als ich weg war“, so Kramer, der vor allem die Leute, das Stadion und die Fans vermisst hat, als er eine Saison bei Bayer Leverkusen kickte. Der Weltmeister kennt sich im Verein aus und soll das Spiel der Borussia in der Schaltzentrale neben Mo Dahoud lenken.

Gladbach ist jünger geworden

Auch Jannik Vestergaard ist ein Denker und Lenker. Der Abwehrhüne kam von Werder Bremen und hat das Potenzial, zu einem der Gladbacher Publikumslieblinge zu werden. Der 1,99-Meter-Mann ist kopfballstark und für die Lufthoheit zuständig – defensiv wie offensiv. Der Verteidiger sei in Bremen „in einer kritischen Situation mit seinen jungen Jahren voran gegangen“, lobt Eberl den erst 23-Jährigen. Vestergaard ist ein Arbeiter, ein Kämpfer, der die Fans ähnlich wie Stranzl oder Brouwers mit seinem Einsatz gewinnen wird. Wenn er es nebenbei noch schafft, Top-Verteidiger Andreas Christensen vom Bleiben bei der Borussia zu überzeugen, er würde gefeiert. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht, immerhin bilden die beiden Abwehrspieler auch ein Defensivduo in der Dänischen Nationalmannschaft und sind gut miteinander befreundet.

Interview mit Tobias Strobl von Borussia Mönchengladbach. Foto: David Nienhaus
Mein Interview mit Tobias Strobl von Borussia Mönchengladbach – > hier lesen. Foto: David Nienhaus

Tobias Strobl muss nicht vom Bleiben überzeugt werden. Der Allrounder hat sich gerade erst für einen Vierjahresvertrag bei den Fohlen entschieden. Der Neuzugang von der TSG Hoffenheim hat sich in seiner jungen Karriere schon einige Spitznamen erarbeitet. Von „Mr. Nobody“ und „Balljäger“ über „Stiller Star“ und „Steuermann“ bis „Mister Universal“ – jede dieser Beschreibungen trifft zu. „Er ist polyvalent“, freut sich Schubert auf seine neue Allzweckwaffe. „Ich bin ein Arbeiter, der nicht über das Filigrane, sondern über den Kampf kommt“, sagt Strobl über sich selbst. Der 25-jährige passionierte Golf-Spieler ist dabei kein Lautsprecher, will durch Leistung statt durch große Worte überzeugen. Seine Taktik: „Mich hat keiner auf dem Zettel“, so Strobl, der „das Feld von hinten aufrollen“ will. Dieses Ziel haben übrigens auch die „gefühlten Neuzugänge“ (Eberl) Nico Schulz, Alvaro Dominguez und Josip Drmic, die sich nach schweren Verletzungen wieder ans Team rankämpfen wollen.

Mit 26 Jahren (Strobl), Kramer (25) und Vestergaard (23) ist das neue Gesicht der Borussia ein ganzes Stück jünger geworden. Auch, weil zudem mit Mamadou Doucouré und László Bénes zwei in Europa begehrte Talente nach Mönchengladbach kommen. Nicht wenige schrieben von Transfercoups, als die Youngster im Borussia-Park vorgestellt wurden. Es ist der Gladbacher Weg, junge, hoch veranlagte Spieler zu verpflichten, auszubilden und bis zur Bundesligatauglichkeit zu bringen. Der französische Innenverteidiger Doucouré stand unter anderem bei Arsenal oder dem FC Liverpool auf dem Zettel, er gilt als eines der größten Abwehrtalente der Welt. Der slowakische U21-Nationalspieler Bénes trägt in seiner Heimat den verheißungsvollen Spitznamen „Mini-Messi“ und war unter Scouts eine Art Geheimtipp. „Obwohl László erst 18 Jahre alt ist, hat er schon eine komplette Saison im Seniorenbereich und als damals 17-Jährger bereits acht Spiele in der UEFA Europa League-Qualifikation absolviert“, erzählt Manager Eberl stolz. Beide Talente aber müssen sich beim Bundesligavierten nach Verletzungen (Bénes: Faserriss im Hüftbeuger, Doucouré: Muskelbündelriss) in Geduld üben.

Christensen und Elvedi als Vorbilder für die Youngster bei Borussia Mönchengladbach

Geduld muss auch die Tugend der Fohlen aus dem eigenen Stall sein. Geduld und Ehrgeiz. Djibril Sow, Tsiy William Ndenge und Marvin Schulz sollen sich weiter an den 18-Kader heranarbeiten und nun den nächsten Schritt machen. „Sie haben ein Jahr mit den Profis trainiert und viel aufgesogen“, weiß Eberl. Die A-Jugendspieler sollen „sich im Profikader aufdrängen und Konkurrenz für die etablierten Spieler werden.“ Das Alter nicht die Hürde für Einsätze sondern Leistung ist, habe Nico Elvedi, Andreas Christensen und nicht zuletzt auch Mo Dahoud gezeigt. „Diese Spieler müssen die Vorbilder für die Youngster sein“, so der 42-Jährige. Die Mischung aus jung, ganz jung, jung und erfahren und jung geblieben sucht seines gleichen in der Fußball-Bundesliga und lässt Eberl freudig in die Zukunft blicken. Christopher Heimeroth ist mit seinen 35 Jahren der Dino im Kader der Borussia, nur Raffael (31) und Wendt sind über 30 Jahre alt.

Vorschau auf die Saison von Borussia Mönchengladbach im FohlenEcho.
Vorschau auf die Saison von Borussia Mönchengladbach im FohlenEcho.

Die Konkurrenzsituation beim fünffachen Deutschen Meister ist so groß so selten zuvor. Der Kader wurde in der Breite enorm verstärkt und fast jede Position ist quasi vierfach besetzt. Freilich nicht, weil Andre Schubert plötzlich 44 Spieler zur Verfügung stehen hat, sondern weil annähernd jeder Fußballer im Gladbacher Team flexibel einsetzbar ist. Nur drei Beispiele: Routinier Tony Jantschke kann sowohl Außenverteidiger, im Abwehrzentrum und auf der Doppelsechs im Mittelfeld spielen. Jonas Hofmann ist zentral hinter den Spitzen, auf der linken oder auf der rechten Außenbahn zu Hause. Fabian Johnson kann hinten rechts, vorne links oder gar als zentraler Stürmer agieren. Oder eine andere Herangehensweise: Auf der Doppelsechs könnten rechts beispielsweise Kramer, Strobl, Marvin Schulz oder Ndenge agieren. So könnte man den Kader der Borussia weiter durchdeklinieren.

Kein Wunder also, dass Trainer Schubert die Stammplätze bei der Borussia abschaffen will. „Es wird einen völlig offenen Konkurrenzkampf geben. Und zwar über die gesamte Saison“, erklärt der 45-Jährige. Er wolle den breit aufgestellten Kader und die Rotation nutzen, um seinen Männern „auch einmal eine Pause in der Saison“ gönnen zu können. Außerdem werde er die Startelf „immer danach zusammensetzen, welche Stärken von welchem Spieler gegen den jeweiligen Gegner am meisten gebraucht werden.“  Die Fohlenelf ist damit defensiv, wie offensiv taktisch variabel und für den Gegner schwieriger auszurechnen – außerdem, und das ist ein kluger Kniff des Coaches – hält er damit die Spannung im Team hoch. Borussia Mönchengladbach möchte so lang wie möglich auf drei Hochzeiten tanzen: neben der Bundesliga natürlich am liebsten in der Champions League und im DFB-Pokal.

Gladbach-Trainer plant taktische Variationen bei der Borussia

Der Grundstein dafür wurde am Tegernsee gelegt. „Alle Zugänge sind wunderbar integriert und haben ein Gefühl für unsere Philosophie bekommen“, freut sich Schubert über das gelungene Trainingslager in Süddeutschland. „Ich bin sehr zufrieden, die Stimmung war gut und wir haben an vielen Dingen gearbeitet.“ Eben auch an taktischen Varianten. In der vergangenen Saison hatte Schubert so konsequent mit Dreierkette spielen lassen, wie kein anderer Bundesligist. Die Systeme hießen 3-5-2 oder 3-4-3. Neu im Repertoire ist das 4-3-3-System, das der Trainer auf seinem Wohnzimmer ausprobiert hat. „Zu Hause habe ich eine grüne Taktiktafel, an der ich anderthalb, zwei oder drei Stunden kleine Männchen verschiebe“, wird Schubert zitiert. „Ich überlege mir: Wie baut der Gegner auf, spielt er mit Dreierkette oder Viererkette – und dann suche ich Lösungen, die wir dagegen anwenden können.“ Schubert will pressen, den Gegner unter Druck setzen und möglichst viel Ballbesitz haben. Seine Mannschaft habe das schon jetzt verinnerlicht.

Auch ohne Luftbilder vom Tegernsee: Die Borussia ist gerüstet für die anstehende Saison. Auch wenn die Konkurrenten aufgerüstet haben, am Niederrhein geht man weiter den Gladbacher Weg. Und der ist so vielversprechend wie nachhaltig.

Flattr this!

Kommentar verfassen