Die Camera Obscura in Mülheim an der Ruhr

Geschichte der Fotografie – die Camera Obscura für Metropole Ruhr

Für die erste Ausgabe des Jahres der „Metropole Ruhr“ vom Regionalverband Ruhr RVR bin ich nach Mülheim an der Ruhr gefahren und habe mir Europas größte begehbare Camera Obscura und das Museum zur „Vorgeschichte des Films“ angeguckt. Dort habe ich mit Dr. Tobias Kaufhold einen Menschen getroffen, der für seinen Job brennt und seine Leidenschaft für die Geschichte lebt. Und damit ist er nicht allein.

Eine Begegnung der besonderen Art

Durch Zufall erfuhr Yasuhiro Sakamoto von der Ausstellung „Die Vorgeschichte des Films“ im alten Wasserturm in Mülheim an der Ruhr. Mittlerweile ist der Japaner Stammgast im Ruhrgebiet. Das Museum feiert 2016 Jubiläum.

Eines Morgens steht er vor der Tür. Das Museum hat noch gar nicht geöffnet. Dr. Tobias Kaufhold kommt wie üblich gegen kurz vor zehn, um den alten Wasserturm in Mühlheim an der Ruhr aufzuschließen. Yasuhiro Sakamoto wartet geduldig vor dem Industriedenkmal, unter seinem Arm hat der Japaner den aktuellen Museumskatalog. In einer Berliner Buchhandlung hatte Sakamoto das Exemplar über die Ausstellung in der weltgrößten begehbaren Camera Obscura gefunden. Das Thema „Die Vorgeschichte des Films“ passte hervorragend in seine Promotion an der Humboldt-Universität zu Berlin und er war neugierig, wie der Museumsleiter die Entwicklung von Film und Fotografie zwischen 1750 und 1930 in seinem Haus aufgearbeitet hat.

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Das ist jetzt fast zehn Jahre her. Ein Jubiläum. „Der Kontakt zu Dr. Sakamoto ist fast so alt wie das Museum“, erzählt Dr. Kaufhold mit einem Lächeln im Gesicht. Noch immer kommt der Japaner nach seinem ersten Besuch 2007 dann und wann nach Mülheim, um „eine gute Kartoffelsuppe“ zu essen. Und natürlich, um das Museum zu besuchen. Das, freut sich Dr. Kaufhold, lockt konstant 20.000 Besucher jährlich in seine alten, runden Mauern. „Der Mülheimer ist begeistert, dass es den Turm noch gibt“, so der 51-Jährige. Das sei keine Selbstverständlichkeit.

Eine lückenlose Sammlung zur Entstehung des Films

Nach seiner Stilllegung im Jahr 1959 verrottete das Gebäude unweit der Ruhr nach und nach. Erst mit der Mülheimer Landesgartenschau „MüGa“ 1992 blühten die Gegend und der alte Wasserturm wieder auf. Die ehemalige Bahnanlagen der unteren Ruhrtalbahn, und die Industriebrachen an einem Schrottplatz wurden zurückgebaut oder umgewandelt. Der Mülheimer Filmemacher und Sammler Werner Nekes hatte die Idee, in die Kuppel des alten Broicher Turms eine Camera Obscura einbauen zu lassen. Ein kurzweiliger Erfolg. Nach dem Ende der MüGa war wieder Schluss. Aus dem Wasserturm mit Restaurant wurde im Laufe der Jahre erst eine Disco, später erneut eine Ruine.

Von Umnutzung und Industriekultur im Ruhrgebiet

Das ist Geschichte. Mittlerweile ist der 38 Meter hohe Turm, Baujahr 1904, ein nicht nur bei der ExtraSchicht leuchtendes Vorbild in Sachen Umnutzung. Was Anfangs der Versorgung von Dampfloks im benachbarten Ringlokschuppen diente, bietet nach dem Umbauplan des Architekt Dr. Hans-Hermann Hofstadt und den Mülheimer Ausstellungsmacher Helmut Kessler nicht nur einen imposanten 360°-Rundumblick über das Gelände des MüGa-Parks, sondern eine lückenlose Sammlung zur Entstehung des Films. Von Schattenspielen, Laterna Magicae und Kaleidoskopen über Guckkästen und anderen Geräten für optische Täuschungen, die „Sammlung S“ des Wuppertaler Sammlers Karlheinz W. Steckelings zeigt mit 1139 Exponaten „den Anfang der Fotografie bis dahin, wo die Bilder laufen lernten“, erklärt Kaufhold stolz.

Yasuhiro Sakamoto (m.) mit Dr. Tobias Kaufhold (l.) und Sammler KH.W. Steckelings. Foto: privat
Yasuhiro Sakamoto (m.) mit Dr. Tobias Kaufhold (l.) und Sammler KH.W. Steckelings. Foto: privat

Im Zusammenspiel mit dem Schloss Broich, dem 66 Hektar großen Naherholungsraum mit bunten Beeten, imposanten Bäumen und Skulpturen und dem Industriedenkmal Ringlokschuppen – mittlerweile ebenfalls Teil der freien Kulturszene – gehört der Broicher Wasserturm zur Route der Industriekultur. „Wir werden von den Engländern und den Franzosen für den Wandel des Ruhrgebiets beneidet. Unsere Nachbarn haben ähnliche Regionen, aber die Umnutzung nicht geschafft“, weiß Kaufhold und Sakamoto ergänzt: „Im Ruhrgebiet spielte die Technik auch wegen der großen Industrie eine besondere Rolle – nicht nur wirtschaftlich, sondern auch kulturhistorisch“, so der 34-Jährige. Für die Menschen sei es nicht nur die Lebensquelle gewesen, sondern eine Kultur. „Ich habe großen Respekt davor und bin von dieser Lebensphilosophie sehr begeistert.“

Bis heute ist Sakamoto gern gesehener Gast im Museum. Und er ist begeistert wie am ersten Tag. Die Form der Räumlichkeiten im Wasserturm würde die klassischen optischen Geräte „reflektieren“. Auch die seien rund und es gehe dabei um Drehung. „Die Idee finde ich besonders toll“, erklärt der promovierte Philosoph. Im September 2016 feiert die Camera Obscura zehnjähriges Jubiläum mit einem Tag der offenen Tür. Yasuhiro Sakamoto wird vielleicht auch vorbeischauen, schließlich gehört er irgendwie zur Geschichte des Turms. Diesmal allerdings wird er nicht alleine vor verschlossener Tür stehen. Die Öffnungszeiten kennt er bestens. 

Weitere Informationen  über die Camera Obscura unter:

http://www.camera-obscura-muelheim.de

Infos: Was ist eine Camera Obscura? Der Begriff kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „dunkler Raum“. Eine Camera Obscura ist nichts anderes als eine große Lochkamera, die für die Herstellung von Bildern verwendet wird. Bereits Aristoteles arbeitete im 4. Jahrhundert vor Christus mit dieser Technologie. Es ist das Grundprinzip der Fotografie.

 

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