Kölns Osako hat den Schalk im Nacken – Effzeh-Kadermanager Jörg Jakobs im Interview

Die aktuelle Ausgabe des japanischen Magazins SOCCER CRITIQUE (Futabasha Verlag) analysiert den japanischen Fußball nach dem Debakel bei der WM 2014. Francois Duchateau und ich haben in diesem Kontext ein Interview mit Jörg Jakobs, Sportdirektor des 1. FC Köln, beigesteuert. Der Kaderplaner spricht über das Scouting in Fernost des Bundesliga-Aufsteigers, Neuzugang Yuya Osako und den japanischen Fußballer.

Herr Jakobs, hatten Sie Osako schon vor seinem Wechsel zu 1860 auf dem Zettel oder sind sie erst in der 2. Liga auf den Nationalspieler so richtig aufmerksam geworden?

Jakobs: Wir haben Osako unter anderem in den beiden Länderspielen der japanischen Nationalmannschaft gegen die Niederlande und Belgien beobachtet. Aber wir wussten schon aus der J-League und von Videomaterial, dass er ein interessanter Stürmer ist. Wir verfolgen den japanischen Markt wirklich sehr genau und sind sehr gut informiert. Wir haben die Gelegenheit genutzt, ihn und einige andere im Herbst live anzusehen. Wir haben ihn auch noch in München im Trainingslager und bei dem ersten Testspiel gegen St. Pauli beobachtet. In der zweiten Liga war er dann ja mehr auf dem Präsentierteller.

Waren sie überrascht, dass so ein Spieler in die 2. Liga wechselt?

Jakobs: Dass ein solches Kaliber in die zweite Liga wechselt, hat uns schon etwas überrascht. Wir haben mit Thomas Kroth gesprochen, bevor Osako nach München ging. Wir hatten aber keinen Bedarf, weil wir schon Bard Finne verpflichtet hatten. Und auch Kazuki Nagasawa kam im Winter zu uns.

Lange wurde vermutet, Osako käme als Plan B, sollte ein Zoller-Transfer nicht realisierbar sein. Nun hat Köln beide Spieler unter Vertrag genommen. Wird der Konkurrenzkampf um die Angriffsplätze härter oder soll die taktische Ausrichtung in der kommenden Saison offensiver ausfallen?

Die neue Kolumne bei Sportsnavi - Yuya Osako startet beim 1. FC Köln durch
Die 35. Kolumne bei Sportsnavi – Yuya Osako startet beim 1. FC Köln durch

Jakobs: Das hat nichts mit einer offensiven Ausrichtung zu tun. Es hat damit zu tun, dass Qualität im Angriff uns immer weiterhilft. Dadurch haben wir mehrere Optionen und können uns auf die Gegner individuell einstellen. All unsere Angreifer sind unterschiedliche Spielertypen. Osako ist beispielsweise eher der Stürmer, der mal entgegenkommt, der als Zielspieler fungieren kann und auch mal Bälle verteilt. Simon Zoller hingegen sucht wegen seines Tempos oft den Weg in die Tiefe. Das sind unterschiedliche Profile, die wir nutzen wollen.

Die WM verlief enttäuschend für Osako und die “Blue Samurai”. Welche Eindrücke haben Sie vom Spieler und Menschen Osako nach den ersten Tagen in Köln? Konnte er die WM-Enttäuschung bereits abhaken?

Jakobs: Ich war auch überrascht über das Abschneiden der japanischen Nationalmannschaft, weil ich sie mindestens in der K.O.-Runde gesehen hatte. Osako war extrem enttäuscht und in den ersten Tagen in Köln auch sehr zurückhaltend. Aber er hat dann gemerkt, wie froh wir sind, dass er da ist. Wir – nicht nur das Funktionsteam, sondern auch die Mannschaft – haben ihn schnell integriert und jetzt, nach ein paar Tagen, macht er einen ganz anderen Eindruck.

Sind die japanischen Spieler des 1. FC Köln sehr verschlossen?

Jakobs:  Bei Kazuki haben wir das überhaupt nicht erlebt. Er ist ein total offener, japanisch höflich und respektvoller junger Mann. Er ist total offen, neugierig, spricht viel und geht mit den Jungs raus. Yuya kenne ich noch nicht so gut, aber ich glaube, dass er auch ein bisschen den Schalk im Nacken hat.

Wie scoutet der 1. FC Köln überhaupt in Fernost? Reisen Sie persönlich nach Japan? Vertrauen Sie auf Agenturen?

Jakobs: Wir haben einen japanischen Scout in Japan. Er ist Absolvent der Sporthochschule, der eine A-Lizenz hat und beim japanischen Verband im Bereich der Hochschul-Nationalmannschaft arbeitet. Er gibt uns Tipps und kann für uns dolmetschen, wenn wir in Japan sind. So sind wir vernetzt. Hinzu kommt noch, dass wir mit Tetsuo Taguchi einen Japaner im Verein haben – er ist Nachwuchs-Torwarttrainer – und haben zusätzlich noch einen weiteren Japaner von der SpoHo bei uns, der als Dolmetscher fungiert.

Wie kam der Nagasawa-Transfer zustande? Ein Spieler, den selbst in Japan nicht viele auf dem Zettel hatten.

Jakobs: Der Tipp kam von besagtem Mitarbeiter, der uns gesagt hat, wir sollen uns ein paar Spieler angucken, als die Hochschulnationalmannschaft in Europa war. Wir haben das gemacht und Kontakt zu Kazuki gehalten. Es ist natürlich ein Vorteil, wenn man japanisch sprechende Mitarbeiter hat. Über die Verbindung zu Thomas Kroth gab es dann die Möglichkeit, Kazuki nach Köln einzuladen, um ihm alles zu zeigen. Wir fanden ihn gut, er fand den FC gut und dann hat er sich gegen die Angebote aus der J-League zum Glück für uns entschieden.

Nagasawa entwickelte sich schon in der Rückrunde rasch zur festen Kraft in der Profi-Mannschaft. Was trauen Sie ihm zu?

Jakobs: Er hat sich unglaublich schnell akklimatisiert und an den europäischen Fußball angepasst. Ich glaube, dass er sich auch in der Bundesliga durchsetzen kann. Er hat viele Dinge in seinem Spiel, die uns und eigentlich jeder Mannschaft gut tun. Er hat eine fantastische Ballbehandlung, mühelos auch unter Tempo. Er hat den Kopf immer oben und eine unglaubliche Übersicht über das Spielfeld – in alle Richtungen. Er kann beidfüßig die Bälle verarbeiten und sich im Eins-gegen-eins durchsetzen. Ich gehe davon aus, dass er auch das eine oder andere Tor für uns schießen wird. Wir glauben dran, dass er in den nächsten Jahren in der Bundesliga ein ganz wichtiger Spieler für uns werden kann.

Der FC startet mit zwei Japanern in die kommende Saison…

Jakobs: …das ist sicherlich eher ein Vorteil als ein Nachteil.

Viele Erst- und Zweitligisten setzen in den letzten Jahren auf Transfers aus Japan. Welche Besonderheiten bringen die Spieler und der Markt mit sich, dass auch der 1. FC Köln dort zuschlug?

Jakobs: Speziell bei den japanischen Spielern ist es mit Sicherheit die Ballbehandlung und die ausgeprägte technische Veranlagung, vor allem in der Verbindung mit Tempo. Sie haben von der Mentalität her eine sehr hohe Leistungsbereitschaft und auch die absolute Bereitschaft, sich in eine Gruppe einzufügen. Das ist im Mannschaftssport mit Gruppendynamik und Teamgeist sehr wichtig.

Warum, glauben Sie, ist die japanische Nationalmannschaft in Brasilien gescheitert?

Jakobs:  Man hört, dass die Jungs nicht mit einer ausreichenden Frische ins Turnier gestartet sind. Es fehlte anscheinend die Frische in den Beinen, aber auch die mentale Frische. Es hat irgendwie die Lust auf Fußball gefehlt. Wahrscheinlich hatte es aber auch mit der Logistik zu tun. Sie hatten ihr Basislager in einer kühlen Region und sind dann für die Spiele in extrem heiße Gegenden wie Puorto Allegre in Brasilien gefahren. Da gab es dann im übertragenen Sinne einen mit der Keule aufgrund der klimatischen Bedingungen. Das ist aber eine Ferndiagnose.

Gab es vielleicht eine witzige oder kuriose Anekdote im Zusammenhang mit ihrem Japan-Scouting oder den ersten Tagen Nagasawas/Osakos am Geißbockheim?

Jakobs: In Japan habe ich schon einige neue und kurriose Eindrücke sammeln können. Ich finde beispielsweise spannend, welche Speisen in den Imbisswagen vor japanischen Stadien angeboten wird. Das ist teilweise schon sehr exotisch. Zudem ist Japan ein total faszinierendes Land und auch wenn ich die Städte nur kurz erlebt habe, habe ich viele tolle Erfahrungen sammeln können.

Das Interview wurde zu Saisonbeginn geführt.

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