Uchida hat noch Luft nach oben – Einschätzung von Schalke-Journalisten

Unser Buch bei Verlag Kanzen über Atsuto Uchida. Tweet von @yay_me_222.
Unser Buch bei Verlag Kanzen über Atsuto Uchida. Tweet von @yay_me_222.

Der TSV 1860 München machte vor ein paar Tagen Nägel mit Köpfen und sicherte sich die Rechte am begehrten japanischen Nationalspieler Yuya Osako. Der Offensivmann von Kashima Antlers wechselt für dreieinhalb Jahre zu den Löwen und ein ehemaliger Mitspieler und Kollege bei den Samurai Blues riet Osako zu einem Wechsel nach Deutschland: Schalkes Atsuto Uchida. Beide haben regelmäßig Kontakt und sind gut befreundet. Während der 23-Jährige Neuland betritt, ist Uchida bei den Königsblauen nicht mehr wegzudenken. Zusammen mit den Kollegen Francois Duchateau und Takashi Sugiyama habe ich an einem Buch über „Uschi“ in Japan mitgearbeitet und in einem Kapitel mit den Journalisten Thiemo Müller (Kicker), Dirk Große-Schlarmann (Sky), Andreas Ernst (WAZ) und dem freien Schreiber Jörg Allmeroth (u.a. „Weekly Soccer Digest“ und „Soccer King“) über die Karriere des Abwehrspielers gesprochen. Tendenz: Uchida hat noch Luft nach oben.

Das Buch kann man in Japan hier bestellen. Die Artikel, die ich geschrieben habe, gibt es zwischen Weihnachten und Neujahr hier bei DasSportWort.

Journalisten sehen Uchidas Entwicklung auf Schalke eher kritisch

Atsuto Uchida ist auf Schalke Kult. Auf jedem Fall auf steil auf dem Weg dahin. Der  japanische Außenverteidiger ist Publikumsliebling der Königsblauen und hat es geschafft, sich über drei Jahre lang beim deutschen Fußball-Bundesligisten zu etablieren und auch international Stammspieler zu sein.  Dabei spielt der 25-Jährige sowohl national als auch in der Champions League solide, ist aber kein Superstar. Trotzdem schätzen ihn die Fans. Uchida ist auf dem Platz ein Kämpfer, neben dem Platz ein höflicher und ehrlicher junger Mann. Tugenden, die das Ruhrgebiet ausmachen. Tugenden, die Uchida mitbringt.

Aber der Japaner ist nicht immer unumstritten. Das wissen die Anhänger, das wissen die Journalisten, die den Verein jahrelang begleiten. „Als er nach Deutschland kam, war er nicht Bundesliga-tauglich“, analysiert Thiemo Müller, Redakteur vom wohl renommiertesten deutschen Fußball-Fachmagazin  „kicker“. Mittlerweile aber sei Uchida zu einem durchschnittlich guten Bundesliga-Spieler auf seiner Position gereift. Der Abwehrspieler gehört in der Regel zum Stamm der Schalker Mannschaft, hat in der Spielzeit 2013/14 bislang nur eine Partie verpasst. „Uchida ist sportlich gesehen ein guter Spieler, wäre aber auch ohne Weiteres auf seiner Position zu ersetzen“, weiß Dirk Große-Schlarmann der den Klub als offizieller „Sky Sport News HD“-Reporter seit über zwei Jahren begleitet.

Wie Große-Schlarmann betreut auch Journalist Andreas Ernst die Gelsenkirchener seit Jahren. Für die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“ und dessen Internetportal „DerWesten.de“ hat Ernst Uchida-Konkurrenten kommen und gehen sehen.  „Er hat sich in den drei Jahren gegen Weltmeisterschafts-Teilnehmer Hans Sarpei, Marco Höger und Tim Hoogland auf der rechten Seite durchgesetzt“, so Ernst, der aber auch weiß, dass „Sarpei im Herbst seiner Karriere, Höger im Mittelfeld für Schalke wesentlich wertvoller und Hoogland einfach zu schwach war.“ Uchida, der im Ruhrgebiet von den Fans liebevoll „Uschi“ gerufen wird, musste „lediglich zu Beginn seines zweiten Jahrens  für mehrere Wochen Höger den Vortritt lassen“ und wurde für „DerWesten.de“ einer der drei  „Verlierer der Hinrunde“.

Davon hat sich der Außenverteidiger aber längst erholt. Auch weil der Japaner „sicher noch Entwicklungspotanzial hat“, wie der freie Journalist Jörg Allmeroth sagt. Unter anderem für die japanischen Sportmagazine „Weekly Soccer Digest“ und „Soccer King“ beobachtet Allmeroth die Karriere von Uchida und sieht ihn „als einen wertvollen und geschätzten Mann auf Schalke, nicht zuletzt wegen seiner eigentlichen Allround-Qualitäten.“ Uchidas wirke „zuweilen im Offensivdrang stärker als bei der Kernaufgabe, der Abwehrarbeit. Uchidas Pluspunkte seien dabei seine „Drahtigkeit, Wendigkeit, das gutes Spielverständnis und die schnelle Auffassungsgabe“, so Allermoth, der aber auch kritisiert, Schalkes Nummer 22 fehle vor allem die Konstanz: „Er leistet sich noch zu viele unnötige Fehler, die sich auf Konzentrationsschwächen gründen“, so der Journalist und Müller vom „kicker“ ergänzt: „Uchida hat Probleme in der Ballbehandlung, es passieren ihm viel zu häufig Stopfehler und die Flanken sind einfach zu harmlos. In der Entwicklung hat sich da leider nicht sehr viel getan“.

Das sieht Andreas Ernst ähnlich: „Er war noch nie über einen langen Zeitraum richtig gut in Form. Deshalb verkörpert er auch keine internationale Klasse auf seiner Position und steht als gutes Beispiel für das Problem des FC Schalke 04“, so der WAZ-Redakteur. Gegen schwächere Bundesliga-Mannschaften verteidige er problemlos, glänzt mitunter. Wenn aber die europäischen Topteams wie der FC Chelsea, Borussia Dortmund oder gar Europass bester Klub der Bayern München mit André Schürrle, Marco Reus und Franck Ribéry kommen, „läuft er auch mal hinterher“, erzählt Ernst.

Japan-Buch über Schalke-Spieler Atsuto Uchida von Francois Duchateau und David Nienhaus
Japan-Buch über Schalke-Spieler Atsuto Uchida von Francois Duchateau und David Nienhaus

„Uchida ist ein guter Verteidiger, aber in den Sphären, in den Schalke spielen will, bräuchte der Verein einen anderen Spieler“, sagt Große-Schlarmann. Der TV-Journalist macht Uchidas Probleme aber auch an einen Punkt deutlich und wird bei dieser These von seinen Kollegen gestützt: „ Die fehlende Konkurrenz ist ein Grundproblem beim FC  Schalke auf der Position“. Hoogland sei ständig verletzt und sonst hast der Klub keine Alternative – das gelte aber auf beiden Außenverteidigerpositionen. „Konkurrenz würde Uchida gut tun. Wenn er ein bisschen Druck bekommen würde, könnte er auch den nächsten Schritt machen“, so der Sky-Reporter und Müller ergänzt noch eine weitere Theorie: „Vielleicht ist es eine Sache des Selbstbewusstseins, ein mentales  Problem. Ich kann mir das unter anderem so erklären, dass er immer noch unheimlich nervös ist, wenn er auf dem Feld steht“, so der „kicker“-Autor. Eigentlich sei Uchida durchaus lernwillig und fleißig. Und auch die Technik besitze er.

Nicht nur Felix Magath, der den Japaner 2010 nach Deutschland holte war ein Fan seines Spielers. Auch Ralf Rangnick, Uchidas Coach im Jahr 2011 war begeistert von ihm „Er hat damals von Uchida geschwärmt und unheimlich gerne mit ihm zusammengearbeitet“, erinnert sich Müller: „Er sagte, es sein eine Freude zu sehen, wie sich Uchida in jedem Training reinhängt.“ Auf Magath und Rangnick folgten Huub Stevens und Jens Keller als Trainer auf Schalke und Dirk Große-Schlarmann sieht den aktuellen Coach auch als Entwicklungsbremse. Nicht nur für den Japaner: „Unter dem aktuellen Trainer hat sich aber keiner im Team weiterentwickelt“. Dabei habe Uchida noch Potenzial nach oben, „wird aber nicht gekitzelt, das abzurufen.“

Ein Problem – damals wie heute  – sei, dass in der Mannschaft Spieler fehlen, „die mal einen Kontrapunkt im Spiel setzen, die einen gegenläufigen Trend entwickeln können“, so Allmeroth, der diese Charaktere vergeblich auf Schalke sucht. Neuzugang Kevin-Prince Boateng könnte einer dieser Spieler sein, der auch Uchida mitreißt. Der Japaner selbst ist ein ruhiger Vertreter seiner Zunft. „Auf dem Platz, sei es im Spiel oder im Training, geht Uchida nicht aus sich raus“, berichtet Große-Schlarmann, der bei fast jeder Übungseinheit der Königsblauen dabei ist. Laute Worte höre mach von „Uschi“ nicht. „Er will kein Führungsspieler sein, das entspricht auch nicht seinem Naturell“, schätzt der Fernsehmann. Zwar gehöre Uchida zur Clique um Superstar und Youngster Julian Draxler und Kapitän Benedikt Höwedes – „also mit Spielern, die etwas zu sagen haben in der Mannschaft. Aber er drängt sich nicht nach vorne“, so Große-Schlarmann.

An Uchidas offensive Sternstunde erinnert sich Andreas Ernst ganz genau:  „Das war am 9. März 2013, als er beim 2:1-Derbysieg gegen Borussia Dortmund die Tore von Draxler und Klaas-Jan Huntelaar mit überragenden Vorstößen vorbereitete“ – Uchida wurde zum Derbyheld. In der wirtschaftlich hart gebeutelten Region wie dem Ruhrgebiet gleicht das einer Götzenbildung der Fans. Diese Aktionen kommen aber viel zu selten, meint Große-Schlarmann: „Neben seinen defensiven Mängeln hat er auch offensiv kaum Durchschlagskraft und eine Abschlussschwäche“ und Ernst gibt dem Kollegen Recht: „Er muss auch mal selbst den Abschluss suchen. Zwei Tore in 116 Pflichtspielen, eins davon auch noch zufällig erzielt, sind zu wenig.“ Uchida wisse wahrscheinlich selbst nicht, wie er das Tor gegen Steaua Bukarest in der Königsklasse  gemacht hat, lacht Große-Schlarmann und meint: „Wenn er torgefährlicher und hinten etwas stabiler wäre, dann wäre er ein richtig genialer Spieler. So ist er ehrlich gesagt ein mittelmäßiger Bundesliga-Profi, der ab und an seine lichten Momente hat“.

Wenn Uchida diese hat, dann in den allermeisten Fällen im Zusammenspiel mit dem peruanischen Superstar Jefferson Farfan. „Das ist eine fast kongeniale Beziehung auf dem Platz“, beschreibt Allmeroth das dynamische Duo. „Mit Farfan bildet er auf der rechten Seite ein ganz starkes Duett“, ergänz Ernst, der aus Uchidas Heimat gehört hat, dass „japanische Journalisten sagen, Jeff sei ganz schlecht gelaunt, wenn Uchida nicht spiele.“ Uchida selbst sei einfach weniger mutig, wenn er mit einem anderen Rechtsaußen kooperieren muss. „Sie verstehen sich einfach sehr gut, auf und neben dem Platz“, weiß der Sky-Reporter. Erfolgreich sei es aber immer nur, wenn Farfan auch richtig gut drauf ist und den Linksverteidiger des Gegners binde. Dann könne „Uschi“ glänzen, weil ihm auch im Rückwärtsgang Aufgaben abgenommen würden. Nochmal: „Die Defensivprobleme von Uchida sind nicht von der Hand zu weisen“, gegen Top-Teams funktionieren die beiden nicht, das müsse man festhalten, „denn dann müsste Farfan auch defensiv viel mehr arbeiten. Das macht er nicht und in dem Moment, wenn Uchida auf sich alleine gestellt ist in der Verteidigung, wird es brenzlich“, so Große-Schlarmann weiter: Für Schalke sei es Gold wert, wenn sich Uchidas so gut mit Farfan verstehe. „Die Doppelpässe werden im Training geübt und wenn die im Spiel funktionieren, ist das eine Waffe. Das haben sie aber in dieser Saison zu selten gezeigt“, weiß der Trainingskiebitz, der den Japaner auch neben dem Platz kennt und schätzt.

Sportlich ist Uchida also nicht ganz unumstritten, menschlich allerdings ein absoluter Gewinn für den FC Schalke 04. „Er ist beliebt in der Mannschaft und dort voll und ganz anerkannt“, berichtet der „kicker“-Journalist Müller und erzählt: „Er ist freundlich, hilfsbereit und höflich. Im Umgang mit uns Journalisten, aber auch innerhalb der Mannschaft.“ Der Abwehrspieler komme  immer als Erster aus der Dusche. „Immer!“, betont Andreas Ernst und erzählt: „Egal, ob er gespielt hat oder auf der Bank saß, ob er ein- oder ausgewechselt wurde: Wenn die Mitspieler fast noch mit den Fans feiern, steht Uchida schon bei den japanischen Journalisten und beantwortet artig die Fragen zum Spiel“. Und auch fällt Müller ein Beispiel ein: „Damals im Trainingslager in Österreich hat Uchida nach einem Regenschauer für alle Spieler die Bank trocken gemacht,“ so etwas sei als Profi nicht selbstverständlich.  Das sei einfach sein Charakter, er mache das, weil es gemacht werden müsse, weil es eine nette Geste sei  und das kommt gut an.

„Mir imponiert mehr das Nicht-sportliche als das Sportliche“, gibt Große-Schlarmann zu. An Uchidas Höflichkeit können sich viele im Verein eine ganz dicke Scheibe von abschneiden. Der Fernsehjournalist ist sich sicher, dass sich der Asiat „ auf Schalke richtig eingewöhnt hat und sehr gerne auf bei den Königsblauen ist. Er hat einen sehr guten Draht zu seinem Zimmerkollegen und Freund Draxler und definitiv eine emotionale Bindung zum Verein“.  Alle können Uchida leiden und jeder helfe ihm hier und da mit der Sprache: „Menschlich hat er einen sehr hohen Stellenwert in der Mannschaft.“ Dass er aber kein Deutsch versehe oder spreche, sei eine Lüge, lacht Große-Schlarmann, der beim 25-Jährigen noch einen anderen wichtige Aspekt sieht: „Marketingtechnisch ist Uchida ein Segen für den Verein“, das müsse man schlichtweg festhalten. „Ich bin seit zwei Jahren bei jedem Training des FC Schalke dabei und es sind immer japanische Gäste am Trainingsplatz. Mal nur ein paar, mal ganze Gruppen. Die gehen auch alle in den Fan-Shop, decken sich mit Schalke- und Uchida-Devotionalien ein und laufen mit den großen Schalke-Tüten durch die Gegend.

Dieser Aspekt ist den Offiziellen beim Ruhrgebietsverein sicherlich nicht unbekannt, und auch deshalb hat der Klub den Vertrag mit dem Japaner bis 2015 verlängert. Uchida passt nach Schalke und der Markt gibt nicht viele rechte Verteidiger in dem Preissegment wider. „Erst einmal bleibt Uchida eine feste Größe im Kader und auch ein Stammspieler“, ist sich WAZ-Mann Erst sicher: „In der Schalker Personalplanung sind andere Baustellen größer: Wer wird die neue Nummer 1? Wer kann Julian Draxler im Sommer ersetzen? Wer kommt als Sechser für Jermaine Jones?“ – Schalke weiß, was er an Uchida hat. Einen Spieler, der um seinen Wert im Team weiß, einen Spieler, der akribisch arbeitet und solide Leistung mit Höhen abruft und Tiefen durchlebt.

Und vielleicht macht gerade das den Kult um Uchida aus: Denn Helden müssen immer auch eine gewisse Tragik mitbringen.  Auf Schalke wird man aber froh sein, wenn die heroischen Moment überwiegen. Der Kult um Uchida wird dann sicherlich schneller wachsen.

Japan Kolumne bei sportsnavi

Mein Kollege Francois Duchateau und ich schreiben übrigens eine Kolumne für yahoo.jp. Zu allen Artikeln geht es hier lang…

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