Japan-Experten Buchwald und Engels einig: Uchida fehlt auf Schalke Konkurrenz

Guido Buchwald und Gert Engels kennen sich aus gemeinsamen Zeiten in Japan. Bei den Urawa Red Diamonds wurden sie gemeinsam Meister in der J-League, sie sind Freude geworden und schätzen sich. Sie teilen die Affinität zum japanischen Fußball und verfolgen die Karrieren von den Bundesliga-Legionären aus dem Land der Kirschblüte. Für das Buch über Atsuto Uchida, das unter anderem von den Kollegen Francois Duchateau, Takashi Sugiyama und mir in Japan veröffentlicht wurde, habe ich mit Buchwald und Engels über den Schalker Abwehrspieler gesprochen. Folgender Text ist in dem Buch erschienen.

Das Buch kann man in Japan hier bestellen. Die Artikel, die ich geschrieben habe, gibt es zwischen Weihnachten und Neujahr hier bei DasSportWort.

Bundesliga hat Uchida zu einem besseren Spieler gemacht

Guido Buchwald bekommt dieses Funkeln in den Augen. Das Funkeln, wenn man sich über etwas oder jemanden freut. Bei einem Benefizspiel in Deutschland schnürte der ehemalige weltklasse Verteidiger noch mal seine Fußballschuhe, durfte nach dem Spiel über die Bundesliga und die anstehenden Top-Spiele sprechen, mit einer Frage Frage über Atsuto Uchida rechnete der baumlange Schwabe nach dem Spiel aber nicht.  „Natürlich kenne ich Uchida“, grinste der ehemalige Erfolgscoach der Urawa Red Diamonds, stellt seine Tasche ab und aus der Mixedzone wird eine Komfortzone. Guido Buchwald spricht gerne über Japan und die Profis aus dem Land der Kirschblüte.

Japan-Buch über Schalke-Spieler Atsuto Uchida von Francois Duchateau und David Nienhaus
Japan-Buch über Schalke-Spieler Atsuto Uchida von Francois Duchateau und David Nienhaus

„Für mich war klar, dass er sich auf jeden Fall in der Bundesliga durchsetzen wird“, erzählt Japans Trainer des Jahres 2006 und liefert dann auch die Gründe für seine Einschätzung. Uchidas Stärken seinen in erster Linie die Schnelligkeit, die er auf der Seite habe und auch die Schnelligkeit, das Spiel lesen zu können und Situationen einzuschätzen.

Bei dieser Aussage wird Buchwald von Gert Engels unterstützt. Engels, Buchwalds ehemaliger Co-Trainer in Urawa und selbst ein eloquenter Japan-Experte, erzählt in einem Telefoninterview, Uchida sei „schnell, bewegt sich gut und viel, hat eine gute Flanke und bringt gute Technik mit.“ Sein Einschalten in die Offensive könne man als Stärke bewerten: „Offensiv sieht man wirklich wenig schlechte Spiele von ihm“, so Engels. Die beiden deutschen Trainer verfolgen den Weg der japanischen Bundesliga-Profis intensiv und tauschen sich regelmäßig auch über Uchida aus. Dabei sind sie nicht immer einer Meinung.

„Uchidas Schwächen sind seine Flanken, das muss man zugeben“, sagt Buchwald und widerspricht einem Freund in der Einschätzung. Für einen modernen Außenverteidiger seien die Hereingaben einfach zu schwach. Auch wenn der Schalker im Revierderby gegen Borussia Dortmund beide Treffer für den königsblauen Sieg über seine Seite vorbereitet hat, diese Effektivität rufe der 25-Jährige viel zu selten ab. Und „auch in der Defensive müsste er sich häufiger und konsequenter hinten reinschieben und dadurch die Räume enger machen“, analysiert Buchwald, der auch im Zweikampfverhalten Uchidas Probleme sieht. Dort „fehlt ihm bisweilen die Aggressivität. Daran könnte er noch arbeiten“, so der ehemalige Red Diamonds-Coach.

Uchidas muss an sich arbeiten. In dem Punkt sind sich die Experten einig. „Für ihn war der Schritt nach Deutschland wichtig“, sagt Engels und erzählt: „Der Schritt ins Ausland hat Uchida zu einem anderen Spieler werden lassen“, in der J-League sei er noch mehr marschiert und habe noch mehr Offensivarbeit geleistet. „In der Fußball-Bundesliga aber“, so Engels weiter, „hat er meiner Meinung nach immer noch Defensivprobleme. Es passiert immer mal wieder, dass in seinen Rücken gespielt wird und dass sein Stellungsspiel nicht stimmt“, weiß Engels. „Aber das sind alles Dinge, die er noch lernen kann. Das sind keine Schwächen, die für immer bestehen müssen“, erklärt Buchwald, der ebenfalls diese Probleme beim kleinen Japaner ausgemacht hat.

Seit 2010 spielt Atsuto Uchida mittlerweile auf Schalke und ist damit nach Nürnbergs Makoto Hasebe der Routinier unter den japanischen Profis in der Fußball-Bundesliga. Gert Engels erinnert sich an Uchidas Zeit in Japan: „Er hat irgendwann als junger Bursche eine Antlers-Ikone auf der rechten Seite abgelöst und wer dort spielt, ist einer, mit dem man sich beschäftigen muss“. Antlers sei eine starke Mannschaft und wer dort spiele, müsse gut sein. „Er hat sich dort sofort reingespielt und hatte dort eine super Entwicklung“, erzählt Engels. Der Schritt ins Ausland sei die logische Konsequenz gewesen. „Ich habe mich entschieden, mich als Spieler und als Mensch weiterzuentwickeln“, ließ Uchida dann vor drei Jahren auf der Homepage von  Kashima Antlers verlauten und folgte dem Ruf von Schalke-Trainer Felix Magath. Guido Buchwald räumt mit einem Gerücht auf: „Nein, es stimmt nicht, dass ich Magath Uchida empfohlen habe oder gesagt haben soll, er sei der neue Rafinha“, stellt der Double-Gewinner in Japan klar. Richtig sei aber, „dass ich Uchida schon lange kenne. Er war damals als 17-Jähriger in der ersten Liga Japans und hat dort bei einem Spitzenverein einen hervorragenden Außenverteidiger gespielt“, erinnert sich auch Buchwald.

In der Bundesliga spielt er eine ähnliche Rolle, ohne aber konstant und dauerhaft zu überzeugen. „Wenn man mal die Deutschlandzeit Revue passieren lässt, dann kann und muss noch einiges von ihm kommen“, verlangt Engels. Seine Entwicklung sei jetzt an dieser Stelle einfach sehr wichtig. Pierre Littbarski, ebenfalls ein erfolgreicher Export aus Deutschland in Asien erinnert sicht, dass „Atsuto Uchida ein total dünnes Hemd war, als er zu Schalke gekommen ist“, mittlerweile habe der Japaner aber deutlich zugelegt und sich körperlich weiterentwickelt: „Also hat er viel an der körperlichen Athletik gearbeitet“, so Littbarski in einem Interview.

Atsuto Uchida im Interview.
Atsuto Uchida im Interview.

Das attestiert ihm auch Gert Engels, der aber die Athletik auch nicht als Problem ausgemacht hat: „Uchida ist sehr gradlinig, könnte meiner Meinung nach aber im Kurzpassspiel und bei den schnellen Kombinationen noch zulegen und besser werden. Er ist es gewöhnt, rauf und runter zu rennen – das kann er auch – aber spielerisch hat er noch Entwicklungspotenzial. Zwei Punkte haben Engels und Buchwald unisono ausgemacht: Die spielerische Qualität Uchidas und die Defensivprobleme. Der Abwehrspieler selbst erklärte in einem Interview, womit er zu kämpfen hat, seitdem er in Deutschland ist:  „Ich musste mich schon an den Fussball in der Bundesliga gewöhnen. Sie gehört zu den besten Ligen der Welt und der Physis kommt hier eine völlig andere Bedeutung zu als beispielsweise in meiner Heimat. Die Spielweise ist wesentlich robuster“, sagte der Schalker.

„Eigentlich ist er schon zu lange in Deutschland, als dass er die Umstellung immer noch nicht verinnerlicht hat“, entgegnet Engels Uchidas Erklärung, sagt aber auch: „Um diese Fehler richtig analysieren zu können, müsste ich mit ihm auf dem Platz arbeiten“. Normalerweise liefere der Außenverteidiger seine Leistung solide ab, aber es gebe immer mal wieder diese unnötigen Ausrutscher. „Ich will nicht sagen, dass er in seiner Entwicklung stecken geblieben ist oder diese stagniert“, so Engels, „aber vielleicht sind seine fußballerischen Fortschritte nur sehr langsam sichtbar. Er hat noch mehr Potenzial  und könnte noch weiter nach vorne kommen. Woran das lege, könne der deutscher Fußballtrainer nicht sagen, „dafür bin ich zu weit weg. Dafür müsste man einen Spieler persönlich betreuen. Das kann am Spieler liegen, aber auch am Trainer oder der Mannschaft. Auch die Sprache wäre eine Möglichkeit. Vielleicht fehlt es hier dann am Detail“, erzählt Engels.

Atsutu Uchida habe sich in Deutschland etabliert, „ist aber immer noch kein hundertprozentiger Leistungsträger auf Schalke. Und er ist auch kein unangefochtener Stammspieler in Gelsenkirchen“, sagt Engels knallhart. Einige Journalisten, die Schalke und Uchida über Jahre begleitet haben, behaupten, es läge an der fehlenden Konkurrenz für den Japaner auf der Verteidigerposition. Engels überlegt kurz und sagt: „Ich kann nicht beurteilen, ob ihm die Konkurrenz fehlt. Aber Fakt ist, dass er trotz seiner kleinen Schwächen immer spielt. Es hieß zwar immer wieder, nun sei ein Spieler fit und könne auf der Uchida-Position spielen, letztlich ist er aber dann doch aufgelaufen. Es hat sich noch kein richtiger Konkurrent auf der rechten Seite etablieren oder aufdrängen können. Das wäre also tatsächlich eine Möglichkeit“, so Engels und betont erneut: „Uchida ist mit seinen Leistungen stabil – im positiven, wie im negativen Sinne. Er ist ein Talent, bringt die Schnelligkeit und Technik mit. Ich glaube aber, er täte gut daran, sich punktuell zu verbessern“.

Menschlich auf jeden Fall sei der kleine Japaner eine Bereicherung für die Liga und natürlich auch für den FC Schalke 04. „Uchida ist, wie alle Japaner, nett, freundlich, aber auch willensstark. Er möchte, wie jeder andere auch, sein bestes geben, ist sehr fleißig, ehrgeizig und lernwillig“, grinst Buchwald. „Er hört dem Trainer genau zu und versucht es dann auch schnell umzusetzen. Mit ihm kann man hervorragend arbeiten“. Auch Engels kenn Uchida so : „Ich habe ihn ab und an mal privat erlebt, wenn er sich Spiele angeguckt hat, beispielsweise in Leverkusen, um den Hosogai zu sehen. Er ist keiner der total ernst rüber kommt“, sagt der ehemalige Trainer der Yokohama Flügels. Uchida kommt in Deutschland als Spaßvögel rüber und „das lockere Bild könne passen. Er hat dieses natürliche Talent und eine sehr positive Ausstrahlung. Aber vielleicht heißt das auch, dass er hier und da ein bisschen ernsthafter an sich arbeiten könnte“, mahnt Engels.

Sowohl Guido Buchwald als auch Gert Engels freue sich über die Entwicklung Uchidas in Deutschland, auch wenn die Analyse der Schwächen hier und da überhart klingt. Der japanische Nationalspieler hat seinen Weg in der Bundesliga gefunden und schon deutlich bewiesen, dass er auf seiner Position ein guter Spieler ist. Uchida war bei Schalke der erste Akteur seines Heimatlandes, der in der Champions League in der Runde der letzten Vier im wichtigsten europäischen Vereinswettbewerb stand. Und das ist nur ein beeindruckender Beweis für Uchidas Durchbruch in Deutschland.

Und Buchwald bekommt wieder dieses Funkeln in den Augen: „Neben Uchida freut es mich sehr, dass sich viele japanische Fußballer in der Bundesliga zu Leistungsträgern entwickelt haben.  Aber für die Leute, die sich mit dem japanischen Fußball auskennen, war das nur eine Frage der Zeit und nur die logische Konsequenz aus der Entwicklung der vergangenen Jahre der L-League“, so der Weltmeister von 1990. Atsuto Uchida steht stellvertretend dafür.

 

Mein Kollege Francois Duchateau und ich schreiben übrigens eine Kolumne für yahoo.jp. Zu allen Artikeln geht es hier lang…

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