Sportgeschichte am 14. Dezember – Meister aller Klassen

Der Artikel "Jack Dempsey - Meister aller Klassen" erschien in der Rubrik Sportgeschichte in "die sportzeitung"  am 14. Dezember 2006
Der Artikel „Jack Dempsey – Meister aller Klassen“ erschien in der Rubrik Sportgeschichte in „die sportzeitung“ am 14. Dezember 2006

Spricht man über die besten Boxer aller Zeiten, darf in der Aufzählung um die Legenden Muhammad Ali, Archie Moore, Joe Louis und Max Schmeling einer nicht fehlen: Jack Dempsey gehört in den 1920er Jahren zu den beliebtesten Sporthelden der USA. „The Manassa Mauler“ feierte während seiner Profikarriere 62 Siege, 50 davon durch K.o. und wurde vom amerikanischen „Ring Magazine“ zum „größten Schwergewichtler aller Zeiten“ gewählt. Dieser Text von mir erschien 2006 in “Die Sportzeitung” des Deutschen Sportverlags.

Zweite Titelverteidigung Schwergewichtsweltmeister Jack Dempsey muss gegen Herausforderer Bill Brennan zum ersten Mal über zehn Runden boxen und gewinnt.

Gerade um die Weihnachtszeit ist New York immer eine Reise wert. Tausende Lämpchen erhellen die Park Avenue, der typisch amerikanisch-dezente „X-Mas“-Schmuck verwandelt den Big Apple in ein großes Weihnachtswohnzimmer – klirrende Kälte und Schnee tun ihr Übriges dazu, eine rundum festliche Stimmung zu verbreiten. Passend dazu wollte der New Yorker Reggae-Radio-Sender „La Kalla 105.9“ am 14. Dezember dieses  Jahres seine Weihnachtsparty im altehrwürdigen Madison Square Garden abhalten.

Vor 86 lahren wäre „The World’s Most Famous Arena“ am 14. Dezember schon belegt gewesen: William Harrison „Jack“ Dempsey lebte den „american way of life“ und lud zu seiner zweiten Schwergewichts-Titelverteidigung als „Champion aller Klassen“ ein. Jack Dempsey gehörte zu den wohl populärsten Boxern aller Zeiten.  Mit seinem aggressiven Stil. begeisterte er die Massen im Amerika der frühen 20er Jahre.

Dabei begann Dempseys Karriere eigentlich eher durch einen Zufall. Als 1914 drei Matrosen in einer Hafenkneipe in San Francisco einem Gast namens Jack Kearns Geld stehlen wollten, schlug der Landstreicher und frühere Minenarbeiter die drei Kriminellen in Sekundenschnelle zu Boden. Kearns erkannte das Talent und  bedankte sich mit einem Boxvertrag für den damals 19-jährigen Sohn eines Lehrers einer Mormonenschule.

Nur ein paar Monate später bestritt Dempsey seinen ersten Kampf im Boxring, und sein Gegner Kid Hancock stand nicht viel länger auf den Beinen als die drei  Halunken aus der kalifornischen Kneipe. ln der ersten Runde schlug Dempsey seinen Kontrahenten K.o., und damit begann eine erfolgreiche und legendäre Boxkarriere.

Der Weg bis zur Schwergewichts-Weltmeisterschaft war dennoch lang und beschwerlich. Nach 70 Kämpfen in nur fünf Jahren – mit einer Bilanz von 53 Siegen (dadurch 45 durch K.o.), fünf Niederlagen, acht Unentschieden und fünf Kämpfen ohne Entscheidung  – organisierte der gewiefte Manager Jack Kearns seinem Schützling den ersten WM-Fight.

Titelgewinn Am 4. mit 1919 forderte „The Manassa Mauler“, Dempseys Kampfname, in Toledo den fast 30 Kilogramm schwereren Riesen Jess Willard heraus und  gewann kurios: Seine gesamte Börse von 27.500 Dollar hatte Dempsey auf einen eigenen K.o.-Sieg in der ersten Runde verwettet. Zwar gelang ihm das nicht, aber nachdem er den plumpsigen und ungelenken Willard in der ersten Runde sechsmal niedergeschlagen hatte, verließ Jack Dempsey im Siegestaumel den Ring. Den Regeln gemäß gilt das Verlassen des Boxringes eigentlich als Aufgabe. Der Kampf wurde aber wieder aufgenommen und Dempsey gewann durch regulären „Knock out“ vor 82.000 Zuschauern in der dritten Runde. Tex Rickard veranstaltete als Promoter die Krönung des neuen Stars.

Im September 1920 verteidigte Dempsey seinen Weltmeistertitel erfolgreich gegen Billy Miske. Eine  leichte Aufgabe für den Champ, der seinen Herausforderer durch einen K.o.-Sieg in der dritten Runde bezwang.

Ewiges Talent Am schon erwähnten 14. Dezember 1920 wurde die Titelverteidigung anspruchsvoller: Bill Brennan, ein ewiges Talent im amerikanischen Boxsport, forderte den Champ zum zweiten Mal. Das erste Aufeinandertreffen der beiden Schwergewichtler am 25. Februar 1918 hatte  Dempsey ins Licht der Öffentlichkeit gerückt, denn in der sechs- ten Runde schickte er den jungen Brennan zu Boden.

Die Sportzeitung vom 14.12.2006
Die Sportzeitung vom 14.12.2006

Zweieinhalb Jahre später die emeute Herausforderung von Brennan. Experten waren sich einig, dass sich der Herausforderer keine fünf Runden auf den Beinen halten würde – aber Brennan war zäh und besser als Dempsey. Schon in der zweiten Runde erwischte Bill Brennan seinen Gegner mit einem „Uppercut“ am Kinn. Noch nie musste Dempsey so einen Schlag einstecken, und Jahre nach dem Kampf gab er zu: „Hätte Bill nur konsequent nachgesetzt und abgewartet, dass ich falle, wäre er der Schwergewichtsweltmeister geworden.“

Nach zehn Runden sah es in der Tat so aus, als würde der Titelverteidiger seinen Gürtel abgeben müssen. Brennan führt nach Punkten und eine klaffende Wunde in Dempseys Gesicht machte den Kampf blutig. Jack Dempsey musste nie zuvor über mehr als zehn Runden gehen, Brennan forderte ihn sogar ein Dutzend Runden lang. Nur ein endgültiger Niederschlag konnte Dempsey vor dem Verlust seines Titels retten.

In der zwölften Runde lieferten sich die beiden Kontrahenten erneut einen erbitterten Schlagabtausch und Brennan traf mehrmals das verletzte Ohr des Titelträgers. Dempsey suchte den „Infight“, und als der Ringrichter  die Boxer auseinanderschob, konnte Brennan gar nicht so schnell reagieren, wie er die rechte Gerade Dempseys einstecken musste. Der härteste „Punch“ des Abends sorgte für die Entscheidung: Dempsey blieb Weltmeister.

In der Umkleidekabine erzählte der doppelt niedergeschlagene Brennan der schreibenden Zunft: „Er hat 1918 sechs Runden gebraucht, um mich zu stoppen, heute Nacht waren es zwölf Runden. Aber irgendwann werde ich ihn schlagen.“ Dazu kam es jedoch nie. Bill Brennan wurde vier lahre später in seinem New Yorker Kabarett von zwei zuvor herauskomplimentierten Gästen erschossen.

Goldener Junge Dempsey hingegen blickte in eine sowohl sportlich als auch finanziell glorreiche Zukunft. Am 2. Juli 1921 sorgte er gegen Georges Carpentier für einen Rekord:  80.000 Zuschauer in Jersey City brachten eine Einnahme von knapp 1.789.238 Dollar. Dempsey gewann durch K.o. in Runde vier. Ein Kuriosum war seine Titelverteidigung gegen den Argentinier Luis Firpo, den er am 14. September 1923 in der ersten Runde gleich siebenmal in den Ringstaub schickte, selbst aber auch zweimal zu Boden ging. Firpo drosch Dempsey dabei sogar einmal durch die Ringseile, so dass die Zuschauer und Joumalisten aus der ersten Reihe den Weltmeister  wieder in den Ring heben mussten. Schließlich gewann Dempsey durch K.o. in Runde zwei. „Ein richtiger Champ ist jemand, der aufsteht, wenn er schon am Boden liegt,“ sagte der Champ später einmal. Tex Rickard sorgte dafür, dass diese beiden Fights zum ersten Mal in der Geschichte des Boxsports überregional im Radio vermarktet wurden – und ganz nebenbei sorgte Rickard auch für den Bau des Madison Square Gardens.

Niederlage Die Geldmaschinerie „Dempsey“ funktionierte. Drei Jahre später musste Dempsey seinen Titel gegen Gene Tunney verteidigen. Vor 120.757 Zuschauern, die für Einnahmen von 1.895.733 Dollar sorgten, verlor „der Meister aller Klassen” aber seinen Titel knapp nach Punkten. Dempsey wollte Revanche. In einem weiteren Millionenkampf besiegte er im juli 1927 Jack Sharkey durch K.o. und erkämpfte sich dadurch das Recht, noch einmal gegen Tunney um den Weltmeisterschaftstitel zu boxen. Wieder unterlag Dempsey nach Punkten, doch hatte er in dem dramatischen Kampf Tunney sogar am Boden. Mit diesem Großereignis des Boxsports beendete Dempsey seine aktive Laufbahn.

Auszeichnungen Jahrzehnte später wurde er vom amerikanischen „Ring Magazine“ zum „größten Schwergewichtler aller Zeiten“ gewählt. Obwohl technisch sicher schwächer als andere Große des Boxsports, erklärte ihn die amerikanische Sportpresse 1948 zum „Besten aller Zeiten“. Er galt als der härteste Schläger im Ring, als ungewöhnlich schneller, aggressiver Boxer. Hinzu kam seine Härte im Nehmen schwerer Schläge. Seine Vorzüge faszinierten die Massen und brachten ihm Millioneneinnahmen. Insgesamt kassierte er 8.338.422 Dollar allein in seinen fünf größten Kämpfen – gab sie aber auch schnell wieder aus: Fehlschläge in Geschäftsangelegenheiten, Missgeschicke in vier Ehen, unter anderem mit dem Hollywoodstar Estelle Taylor, kosteten viel Geld. Nach dem Zweiten Weltkrieg war der „Hall of Famer“ ein gefragter Boxexperte. 1949 forderte er in einer vielbeachteten Rede die Beseitigung der Vorherrschaft einzelner Promoter.

Jack Dempsey Corner Mir dem Tod Jack Dempseys am 31. Mai 1983 beklagte die intemationale Sportwelt den Verlust einer ihrer bekanntesten Persönlichkeiten. Der ehemalige Schwergewichtsweltmeister gilt für viele Experten auch heute noch als bester Boxer aller Zeiten. Sein Restaurant auf dem Broadway gegenüber dem Madison Square Garden war über viele Jahre Treffpunkt bekannter Sportler – auch die deutsche Boxlegende Max Schmeling verkehrte dort. 1974 musste das Restaurant auf Grund der hohen Mietkosten geschlossen werden.

Aber wer zur Weihnachtszeit in New York weilt, wird feststellen, Jack Dempsey ist am Madison Square Garden immer noch allgegenwärtig – vor allem „in seiner Ecke“: Jack Dempsey Corner/West 49th Street.

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