Sportgeschichte am 8. Dezember – Gezähmtes Rugby

Der Artikel "Geschzähmtes Rugby" in der Rubrik Sportgeschichte vom 8. Dezember 2006.
Der Artikel „Geschzähmtes Rugby“ in der Rubrik Sportgeschichte vom 8. Dezember 2006.

Was wäre die weltweite Sportlandschaft ohne die Urväter des Fußballes? Es gäb kein Tor des Monats in der Sportschau, den Stammtische in den Bierstuben würden die Gesprächsthemen ausgehen und der Sportnachrichtensender „Sky Sport News HD“ hätte westenlich weniger zu berichten. Zum Glück entstand aus wilden sportlichen Kloppereinen im vorindustriellen England eine Sportart, die heutzutage nicht nur „des Deutschen liebstes Kind ist“. Heute vor 149 Jahren wurden in England 13 Fußballregeln schriftlich fixiert. Dieser Text von mir erschien 2006 in “Die Sportzeitung” des Deutschen Sportverlags.

Trennung von Rugby und Fußball Der Siegeszug der beliebtesten Sportart Europas war en langer Weg mit vielen Hürden. Im Jahr 1863 wurde mit der Gründung der „Football Association“ in England die Trennung vom Rugby vollzogen.

Es wäre die große Zeit der medizinischen Abteilungen gewesen, Physiotherapeuten und Sportmediziner hätten sich vor Arbeit kaum retten können: Schienbeintritte, Blutgrätschen und Faustschläge ins Gesicht gehörten zum täglichen Sport. Mit dem Fußball der Gegenwart hatte der fußballerische Vorfahr Mitte des 19. Iahrhunderts wenig Ahnlichkeit, denn das Spiel des vorindustriellen Englands war vor allem eines: brutal,  schmerzhaft und ohne Rücksicht auf Verluste.

Eine Unterscheidung zwischen Rugby und Fußball war nicht zu definieren. Die offene Mannschaftsstärke der Teams ließ Streit zwischen Dörfern – unter dem Deckmantel des Spiels – oftmals zur anarchischen Massenschlägerei mutieren. Der Brauch, Waffen wie Pfeil und Bogen (und später auch Feuerwaffen) für die Dauer des Spiels nichtabzulegen, führte sogar  zu Todesfällen. Zufällig sind die frühesten Belege der fußballverwandten Sportgeschichte Gerichtsakten aus dem Iahre 1137, in denen über Verletzte und Tote berichtet wird. Dazu kommen zahllose öffentliche Erlasse und Anordnungen, in denen das Spiel verboten wird. Ein komplettes Verbot ließ sich aber nie durchsetzen.

Nicht „gentleman-like“ Es war ein Drahtseilakt zwischen  „Verbot“ und „Akzeptanz“ der sportlichen Ertüchtigung, bei der zwei Kontra-Argumente besonders schwer ins Gewicht fielen: Zum einen galt der Sport nicht als besonders „gentleman-like“, zum anderen prangerten Puritaner und Presbyterianer durch Nicht-Einhaltung die Schändung der Sonntagsruhe an. Doch die Faszination an dem Ballsport war größer, so dass auch Gesetze. Etikette und Kirche dem neuen Spiel nichts anhaben konnte. Ein Chronist schreibt schon im Iahre 1698 nüchtern und unbeeindruckt: „Der Ball ist aus Leder, groß wie ein Kopf und mit Luft gefüllt. Er wird getragen oder mit dem Fuß durch die Straßen getrieben – von demjenigen, der ihn erreichen kann. Weiterer Kenntnisse bedarf es nicht.“

Industrialisierung Die Akteure auf den Sportplätzen kamen lange Zeit hauptsächlich aus der Landbevölkerung und der städtischen Unterschicht. Doch wirtschaftliche Veränderungen im 18. und frühen 19. Iahrhundert beendeten die Zeit des kampfbetonten Volksfußballs. Einerseits wurden immer mehr öffentliche Plätze, die für das Spiel genutzt worden waren, privatisiert. Andererseits blieb vielen Arbeitern mit Beginn der industriellen Revolution schlicht keine Zeit mehr für die Ausübung des  Sports. Sollte die beschleunigte Industrialisierung der Niedergang des städtischen Fußballs sein?

Tatsächliich verdankt der Fußball sein Überleben den „public schools“. Dort entwickelte sich eine Art Gewaltenteilung in- und außerhalb der Klassenräume: Die Lehrer übten im Schulbetrieb Macht auf die Schüler aus, diese hingegen besaßen eine Art Gewaltmonopol für den Zeitraum außerhalb der Schule. Das galt besonders für das noch regellose Fußballspiel, in dem die älteren die jüngeren Schüler beherrschten. Nur Totschlag schien verboten, um in Ballbesitz zu kommen.

Erste Regeln Den Rektoren an Schulen missfiel diese unzivilisierte Art der Freizeitgestaltung, und so war es ein Direktor der Schule in Rugby, der als erster den Regelimgsbedarf in dieser Sportart erkannte. Im Interesse der Schulordnung instrumentalisierte er das Spiel für seine pädagogischen Absichten und versuchte zwei Ziele zu erreichen: die Schüler von unmoralischem Zeitvertreib wie Trinken, Wetten und Wildern fernzuhalten, wie auch ihnen Werte wie Disziplin und Teamgeist zu vermitteln. Das waren die Bestrebungen, die 1846 zum ersten Regelwerk führten: „The Laws of Football as Played at Rugby School“.

Die Sportzeitung vom 8. Dezember 2006.
Die Sportzeitung vom 8. Dezember 2006.

Eine Mannschaft hatte jetzt 15 bis 20 Spieler und die Zivilisierung und Entledigung von Gewalt des Spiels verbreiteten sich über das ganze Land, ging aber langsam voran. Noch immer waren das Treten ans Schienbein und das Halten an einem Arm regelkonform. Beides gleichzeitig zu tun, war fortan verboten. An ein einheitliches, landesweites Regelwerk war noch nicht zu denken. Das rohe Spiel wurde Im Läufe der Jahre seiner brutalsten Züge entledigt, und an die Stelle des realen Kampfes mit körperaktiver Gewalt trat eine Art Scheinkampf.

Das „Handling game“ hatte sich vom „dribbling game“ losgesagt. Die Ballberührung mit der Hand war beim Fußball nun ebenso verboten wie das Tragen von hervorstehenden Nägeln oder Eisenplatten an den Schuhsohlen! Fußball war einfach zu spielen und nicht an weichen Rasen gebunden. Weicher Boden war für das Rugby ebenso unentbehrlich wie reißfeste Kleidung.

Die Football Association wuchs rasant 1871 gab es 50 Klubs. 1888 zirka 1000 und im Jahr 1905 bereits über 10.000. 1871 wurden die Pokalspiele in England eingeführt. Der Export auf den Kontinent lahmte. Auf dem Festland waren die Niederlande und Dänemark die ersten Länder, die 1889 nationale Verbande gründeten. Germania Tempelhof in Berlin wurde 1888 der erste deutsche Fußballverein. Das Spiel mit dem runden Leder brandmarkten die deutschen Turnväter jedoch noch als „Fußlümmelei“ und „englische Krankheit“, da ihnen das hektische Gerangel um den Ball als zu wild und zu wenig ertüchtigend erschien. Mit der Gründung der „Fédération Internationale de Football“ (FIFA) 1904 in Paris stand dem internationalen Durchbruch des Fußballs nichts mehr entgegen.

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