Auf ein Telefonat mit Günter Netzer

Ich kann den Delling nicht verstehen. Günter Netzer ist nicht nur humorvoll, sondern auch äußerst sympathisch. Der Fußballfachmann mit dem trendsetzenden Haupthaar wurde von den Lesern der WAZ und DerWesten in das NRW-Top-Team aus 50 Jahren Bundesliga gewählt. Grund genug, in der Lobhudelei auf die Gewinner ein paar Zitate von selbigen unterzubringen. Berti Vogts war nicht zu erreichen, aber mit Netzer habe ich mich auf ein Telefonat verabredet. Warum ich mich zwischenzeitlich doch ein bisschen wie Delling gefühlt habe, und was Netzer über Wolfgang Overath und Berti Vogts sagt, steht hier. Ich dachte mir, ich schicke den Eisbrecher und die frohe Botschaft direkt vor. Ein positiver Ansatz ist ja immer gut. Also: „Herr Netzer, schön, dass das noch so kurzfristig klappt. Hat man Ihnen ausgerichtet, warum ich Sie sprechen wollte?“ Ja, irgendwas mit einer 50-Jahre-Wahl, nehme ich durch die Ohrmuschel wahr. Glückwunsch dazu. Also nicht zu dieser Antwort, sondern zur Nominierung auf der Spielmacher-Postition. Netzer: „Ihre Leser haben Geschmack bewiesen.“ Bääm. Guter Spruch. Und eigentlich schon das Zitat für den Text, der am Dienstag in der WAZ erscheinen soll. Aber weiter im Gespräch.

Ein paar Zahlen? Sie haben mit überwältigender Mehrheit gewonnen: 42% der Stimmen gegenüber 15% für Wolfgang Overath und 10,7% für Olaf Thon. Netzer stutzt. Nachfrage: Wie groß der Unterschied „zum Overath“ sei? 15 zu 42! Gesprächspause. „Hach“, seufzt Herr Netzer. „Ich sitze hier auf meinem Stuhl, voll des Glückes.“ Der Unterschied sei deutlich genug. Eigentlich… Ach, das, was er sonst noch gesagt hat, lassen wir lieber raus.

„Herr Netzer, nehmen Sie die Wahl an?„, frage ich. Lachen. „Mit großer Freude nehme ich die Wahl an. Selbstverständlich“, sagt er und analysiert. „Ich weiß schon, dass das eine gewisse Spielerei bedeutet. Aber“, – eine berühmte Netzer-Pause – „es hat auch eine ebenso große Ernsthaftigkeit. Und ich glaube, jeder von uns, der da hineinberufen ist, nimmt das nicht so im Vorbeigehen mit, sondern ist da auch ein bisschen froh und…“ – Pause – „stolz. Stolz das Wort kenne ich nicht. Das ist nicht in meinem Wortschatz, sonst würde ich es verwenden.“ Ich höre ihm gerne zu. Da gehe man nicht zur Tagesordnung über, „sondern denkt darüber nach und freut sich dann wirklich darüber.“ Das hat Herr Netzer schön gesagt. Er ist ein Profi.

Aber diese Overath-Nummer scheint ihn ja wirklich zu freuen. Ich frage noch mal nach und er sagt: „Noch mal zum notieren: Da haben Ihre Leser wirklich Geschmack bewiesen. Da haben sie mit dem deutlichen Unterschied doch wirklich echten Fußballsachverstand bewiesen.“ Er sagt das so ernst, wie er auch Delling gegenüber immer sehr ernst war.

Was er wohl zu Berti Vogts sagt, der auch in die Top-Elf gewählt wurden. „Das ist mehr als verdient.“ Der Berti sei in seiner Spielart nicht der Fußball-Ästhet gewesen, war aber für die Mannschaft unheimlich wichtig. „Für mich als Freund nebendran war er existenziell wichtig, ganz besonders.“ Er habe für Mönchengladbach mehr gemacht als Netzer. „Ich war der bekanntere und im Ansehen der Leute der bekanntere Spieler – aber Berti hat mehr getan.“ Nette Worte zum Schluss des Gesprächs. Toll. Ein Profi eben. Ich bedanke mich und schicke lapidar ein „genießen Sie’s“ durch den Hörer und Netzer nimmt den Ball auf und kontert. „Das mache ich. Rufen Sie mich bitte nächste Woche wieder an, wenn Sie wieder eine Ehrung haben.“ Lachen. In der Schweiz. Und in Essen.

Das am Ende das kongeniale Duo Gerhard Delling/Günter Netzer nur über diese Art über Jahre hervorragend funktionierte, verstehe ich natürlich sehr wohl.

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