Sportgeschichte am 28. November – Rennen mit Tücken

Sportgeschichte: Heute vor... 28. November 1895 J. Frank Duryea
Sportgeschichte: Heute vor… 28. November 1895 J. Frank Duryea

Formel-1-Weltmeister zu werden, ist keine Herausforderung – auch nicht für Sebastian Vettel. Okay, jetzt ist er zum dritten Mal in Folge auf dem Motorsportthron, aber ist das wirklich so schwer mit diesem hochmodernen Fahrzeug, dass zum größten Teil aus Computerteilen besteht, mit denen man sogar zum Mond fliegen könnte? J. Frank Duryea könnte Vettel ganz andere Geschichten erzählen. Sportgeschichten. Denn der Erfinder gewann heute vor 117 Jahren das allererste Automobilrennen der USA, das Chicago Times-Herald Race im Jahre 1895. Ein Rennen ohne hochmoderne Asphaltstrecke, ein Rennen ohne verstellbare Heckflügel und ohne Carbonchassi. Dieser Text von mir erschien 2006 in „Die Sportzeitung“ des Deutschen Sportverlags.

Es wird Winter in Deutschland. Das Thermometer verabschiedet sich von den Pluswerten, die Temperaturen sinken auf frostige Minusgrade. Im Verkehrsfunk wird vermehrt vor Eisglätte gewarnt. Doch blickt man auf die Straßen, ist all das kein Problem für die Autos der Gegenwart. ABS, ESP, Traktionskontrolle und Airbag sorgen für optimales Sicherheits- und Fahrverhalten bei den Personenkraftwagen von heute.

Rennen ohne Namen Bei folgendem Szenaıio zu Beginn der „Neuzeit“ waren diese Extras undenkbar: lm Iuni 1895 kam Herman H. Kohlsaat, ein Industrieller und Herausgeber der Chicago Times-Herald, auf die Idee, den Verkauf seiner Zeitung über ein großes Event in der „windy city“ anzukurbeln. Er wollte ein Rennen veranstalten, das es so noch nie in Amerika gegeben hat: ein Rennen für pferdelose Fortbewegungsmittel – das „America’s First Horseless

Carriage Race“. Die ldee war sogar so neu fiir die Amerikaner, dass ihnen für das Fahrzeug ein passender Ausdruck fehlte. Deshalb rief die Chicago Times-Herald ihre Leser auf, dafür einen neuen Begriff zu kreieren. Vorschläge wie „Horseless Carriage“, „Vehicle Motor“, „Automobile Carriage“, „Automobile“ und „Moto Cycle“ flatterten ins Verlagshaus. Letzterer wurde am 15. Iuli zum Gewinner erklärt.

Kohlsaat setzte eine Prämie von 5.000 Dollar aus für denjenigen, der es schaffte, in „America’s First Horseless Carriage Race“ einen praktischen, selbstantreibenden Straßenwagen mit mindestens drei Rädern zu konstruieren. Dieser pferdelose Wagen sollte

wenigstens zwei Personen tragen können, denn in jedem Gefährt sollte auch ein Unparteiischer mitfahren, der die Einhaltung der Statuten während des Rennens über- prüfen sollte. Eine absolute Neuheit in den Vereinigten Staaten, und für die meisten Menschen bislang dort unvorstellbar. Den wenigen Personen, die schon mal einen „Horseless“ gesehen hatten, war ein lebendes Fortbewegungsmittel lieber, nämlich das mit dem gemeinen Hauspferd – nicht nur aus Schonung für die Gehörgänge, sondern weil die bis dahin entwickelten Fahrzeuge langsam. unzuverlässig und teuer waren.

Ehre und Erfindergeist Der Aufruf war Ansporn für Tüftler aus ganz Nordamerika. Angetrieben durch die Ehre, der erste Automobilerfinder der USA zu sein, ließen Sie ihrer Kreativität freien lauf, um ein zuverlässiges Konstrukt zu V bauen, das ohne „echte“ Pferdestärke angetrieben wird. Auch der Erfinder J. Frank Duryea glaubte an sich und die große Chance, in der neuen Welt dem deutschen Benz Paroli bieten zu können. Duryea entwickelte in monatelanger Kleinarbeit seinen „Motor Wagon“, eine Leichtbaukonstruktion mit zwei Zylindern, luftgefüllten Gummnireifen und einem abenteuerlichen Bremssystem. Er prahlte damit, dass sein „Duryea“ auf der Straße jede andere Maschine schlagen könne – und auch jedes Tier. Das Rennen in Chicago war der optimale Rahmen, um dies unter Beweis zu stellen.

Inoffzielles Rennen Für Ende Oktober oder Anfang November 1895 war das Rennen angesetzt, aber von den 89 angemeldeten Teilnehmem war nur eine Handvoll bereit. Um zugelassen zu werden, mussten die Fahrzeuge einen Test besteht, und so wurden sie auf eine extra dafür gebaute Maschine der Chicago Railway Company gefahren und auf Herz und Nieren geprüft. Für die beiden Vehikel, die schon früh- zeitig startklar waren,

organisierte die Zeitung ein Proberennen am 2. November von Chicago nach Waukegan Während dieses Events fuhr J. Frank Duryea mit seinem Wagen in einen Straßengraben, um einem landwirtschaftlichen Fahrzeug auszuweichen, wobei der „Duryea“ stark beschädigt wurde. Er wurde nach Springfield zurückgebracht und dort repariert – und das ausgerechnet ein paar Wochen vor dem eigentlichen Wettbewerb. Den Probelauf gewann der Wagen mit Benz-Motor von Hieronymus Mueller & Co. (aus Decatur, Illinois) und erhielt – für das erste inoffizielle Rennen der USA – ein Preisgeld von 500 Dollar.

Die Sportzeitung vom 28.11.2006
Die Sportzeitung vom 28.11.2006

Umleitung Am Morgen des 28. November 1895 liefen in den Vereinigen Staaten die Vorbereitungen für das traditonelle Thanksgiving-Fest. Auch in Chicago versammelten sich Familien um reichlich gedeckte Tische und freuten sich auf die gefüllten Truthähne. Aber in den Straßen der Stadt haschten seltsame Nebengeräusche nach Aufmerksamkeit: Brummelnde und knatternde Vehikel machten sich auf zur Start-Ziel-Linie in der Nähe eines Industrie- und Wissenschaftsmuseums für das erste spektkuläre Autorennen der USA. Eigentlich war eine Strecke von Chicago nach Milwaukee (Wisconsin) geplant – aber die schlechten Straßenverhältnisse nördlich von Racine zwangen Kohlsaat, kurzfristig die Strecke zu verändern. Tausende Zuschauer standen an dem knapp 87 Kilometer langen Zickzack-Kurs von Chicago nach Evanstan und verzichteten sogar auf das obligatorische Sunday-Football-Match.

Schlechte Bedingungen Die Voraussetzungen für ein perfektes Rennen nach heutigen Maßstäben ließen eher zu wünschen übrig: 79 Fahrzeuge sollten an dem Rennen teilnehmen, doch bei Minustemperaturen und 15 Zentimetem Neuschnee waren nur elf Erfinder bereit zu starten. Nur sechs Fahrzeuge schafften es schließlich an die Startlinie: der Duryea, ein De La Vergne-Benz, ein Wagen mit Benz-Motor, der von dem New Yorker Kaufhaus Macy’s gesponsort und von Jerry O’Conner gefahren wurde, zwei Autos mit Elektromotoren und der Wagen von Mueller & Co., der einen neuen Motor hatte und den Sohn Oscar Mueller steuerte.

Um 8:55 Uhr gab Richter C. F. Kimball den Startschuss, die Gaspedale wurden getreten und das erste Rennen in Amerika begann. Die schlechten Straßenverhältnisse und der kalte Novembertag forderten schnell ihren Tribut und die Zahl der teilnehmenden Autos reduzierte sich von Minute zu Minute. Die beiden Elektroautos fielen früh aus, weil ihre Batterien schlapp machten, auch die beiden Wagen mit den Benz-Motoren fielen der klirrenden Kälte zum Opfer. Durchdrehende Reifen im tiefen Schnee ließen den De La Vergne-Wagen nicht mehr von der Stelle kommen. Auf der Adams Street stieß der führende Wagen von „Macy’s“ mit einem Pferdewagen zusammen, behauptete aber die Spitze. Wenig später musste er sie aber doch abgeben, und nach einem erneuten Zusammenstoß mit einem zweiten Pferdewagen schied er aus. Der Duryea tuckerte in einem gleichbleibenden Tempo die Strecke entlang und überquerte als Erster die Ziellinie – nach mehr als zehn Stunden und mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 11,26 km/h. Dabei verbrauchte sein Wagen 13,25 Liter. J. Frank Duryea kassierte den Ruhm und das Preisgeld, obwohl er zweimal die Strecke verließ und einen regelwidrigen Stopp an einem Blacksmith Shop eingelegt hatte, um seinen Steuerknüppel zu reparieren – aber mit viel Nationalstolz drückte die Jury beide Augen zu. Mit einer halben Stunde Rückstand passierte auch der Mueller-Benz die Zielmarkierung. Oscar Mueller bekam das jedoch nicht mit. Kurz vor Erreichen der Ziellinie fiel er auf Grund der Temperaturen in Ohnmacht, der unparteiische Charles King übernahm den Steuerknüppel und stützte mit einem Arm den Ohnmächtigen, der auf dem Wagen bleiben musste, um das Rennen regelgerecht zu beenden. Als Dritter kam übrigens noch Jerry O’Conner ins Ziel – 24 Stunden später.

Historischer Moment „Kein Pferd der Welt hätte diese Strecke durch so viel Schlamm und Matsch durchgehalten“, sagte ein Reporter, der versucht hatte, das Rennen in einem Doppelspanner zu verfolgen. Dieser Sieg – so sind sich die Historiker einig – brachte das Automobil-Zeitalter nach Amerika.

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